posted by admin on Jul 24

Die Idee, Inuit (Eskimos) mit einer Open Source Community zu vergleichen, kam mir durch eine Arbeit von Johannes Hartmann. Der untersuchte, ob sich die “soziale Morphologie” von Marcel Mauss in einer psychatrischen Krankenstation finden lassen. Soziale Morphologie beschreibt, wie soziale Dichte das Handeln jedes Einzelnen bestimmt. Man könnte auch sagen, wir sind unserem sozialen Netzwerk ausgeliefert. Je nachdem, wie wir in unser Netzwerk eingewoben sind, je nachdem werden wir zu Handlungen gezwungen.

Der Soziologe Marcel Mauss (Über den jahreszeitlichen Wandes der Eskimogesellschaft, 1974) glaubt bei den Inuit eine Art Naturgesetz gefunden zu haben: die periodische Abwechslung von sozialer Verdichtung und Zerstreuung.

Die Inuitgesellschaft ist im Sommer eine völlig andere als im Winter. Im Winter leben die Inuit streng geregelten Kollektivstruktur, im Sommer schwärmen alle auseinander und jeder lebt sein Leben für sich. Nun könnte man meinen, dies wäre nichts Bemerkenswertes, die unterschiedlichen Jahreszeiten zwängen die Inuit zu einem derartigen Lebensstil – eine simple Anpassung an die geographischen Umstände. Nach Marcel Mauss ein schwerer Irrtum: die Sommer- und Winterkulturen sind Folge unterschiedlicher sozialer Dichte. Menschen, die lange Zeit eng zusammenleben, haben das Bedürfnis nach Freiheit und umgekehrt. Dieses Bedürfnis sei eine anthropologische Konstante und in jeder Gesellschaft anzutreffen. Dass sie so absolut und total gerade bei den Inuit zu finden ist, allein das sei der Geographie geschuldet.  Diese doppelte Morphologie ist nach Mauss keine Besonderheit nur der Eskimogesellschaft. Sie findet sich im indianischen Amerika, im indischen buddhistischen Mönchsleben und auch in westlichen Gesellschaften und überall gleichsam ohne zwingendem biologischen Grund. Auch städtischer jahreszeitlicher Rhythmus in westlichen Zivilisationen pendelt zwischen sommerlicher Zerstreuung in der Ferienzeit bis Ende Herbst.

Ich habe das zum Anlass genommen, einer alten Stammesgesellschaft die Spitze zivilisatorischen Zusammenlebens gegenüberzustellen – der virtuellen Gemeinschaft – vertreten durch das Open Source Projekt KDE.

Kulturelle Gemeinsamkeiten

Auf den ersten Blick ergeben sich einige kulturellen Gemeinsamkeiten:

Auch in KDE wechseln sich zwei Kulturphasen zyklisch ab. In der ersten Phase (Leistungsphase) programmieren die KDE-Leute relativ unabhängig voneinander. In der zweiten Phase (Arbeitszusammenführung) werden alle Arbeiten kollektiv auf ein Veröffentlichungstermin einer neuen Produktversion (Release) hin koordiniert.

Wie die Inuit im Sommer in zerstreuten Familien leben, so werden in KDE die Projekte von ihren Mitarbeitern frei und ohne verpflichtenden Bezug aufeinander bearbeitet. Es reicht theoretisch völlig aus, wenn eine kleine Projektgruppe oder ein einzelner Akteur völlig auf sich selbst und sein Projekt bezogen arbeitet.

Im Winter ziehen sich die Inuit in feste Stationshäuser zurück, wo mehrere individuelle Sommerfamilien in eine große kollektive Winterfamilie übergehen und auf dichtem Raum. Der Eskimowinter ähnelt darin der Phase der KDE-Arbeitszusammenführung. Die Projekte beziehen sich stärker aufeinander alles wird auf ein gemeinsames Ziel hin durch Regeln abgestimmt. Mehr oder weniger individuelle Projekte gehen in einem Release als quasi Projektgroßfamilie auf.

In den Sommermonaten leben die Inuit in patriarchischen Sommerfamilien. Eine Familie steht und fällt mit dem Vater. Ohne ihn löst sich die Familie auf. Ähnliches gilt für Maintainer in KDE, also die Projekt-Chefs (Das Gesamtprodukt KDE setzt sich aus unzähligen Subprojekten zusammen). Verschwinden die Inuit-Väter, lösen sich deren Familien auf, verschwinden die KDE-Maintainer, lösen sich deren Projekte auf.

Da Alte ohne Kinder im unwirtlichen Lebensraum nicht überleben können, ist die Organisation der väterlichen Eskimofamilie stark an den Bedürfnissen der Nachkommenschaft verknüpft. Und so ist in der Regel auch der Maintainer eines KDE Projektes um seine Mitarbeiter bemüht, da er bei entsprechender Projektgröße auf sie angewiesen.

Die Durchschnittliche Projektgröße in KDE entspricht mit einer klassischen Familiengröße.

Das Oberhaupt einer Sommerfamilie wird durch Geburt bestimmt, ebenso wie die erste Maintainer-Identität eines Projektes aus der ersten Autorenschaft heraus geboren wird.

Ob der Maintainer fähig ist oder nicht, spielt eine untergeordnete Rolle. Solange sein Projekt nicht stirbt, bleibt er Maintainer, wie auch der Inuit-Sommerpatriarch unabhängig von seinen Qualitäten Familienoberhaupt bleibt, solange sich seine Familie nicht auflöst. Die Winterfamilie der Inuit kennt hingegen keine Patriarchen. Ihr Oberhaupt wird durch persönliche Qualitäten wie z.B. Jagdgeschick bestimmt. Es repräsentiert, regelt Streitigkeiten und besitzt nur begrenzte Rechte über seine Familienmitglieder. Während der Arbeitszusammenführung zu einem KDE-Release ist ein Release-Koordinator, das Pendant zu solch einem Oberhaupt. Ein Releasekoordinator (inzwischen Release-Team) wird aufgrund seiner Fähigkeiten berufen und verfügt ebenfalls nur über beschränkte Sanktionsmacht. In der Arbeitszusammenführung dominieren solche Posten als Koordinatoren über die Einzelprojekte.

Gibt es im Sommer bei den Inuit praktisch keine Religion, lebt die Winterfamilie in höchstem Maße kollektiv und in andauernder religiöser Überspanntheit und Öffentlichkeit. Der ganze Winter wirkt wie ein einziges großes religiöses Fest. Schaut man sich die großen Veranstaltungen an, in denen sich die KDE-Community zelebriert, so fallen diese auch meist in die Phase der mit den Inuit-Wintern zu vergleichenden Phasen der Arbeitszusammenführung.

Religiöse Verstöße werden in den Inuit-Winterfamilien außergewöhnlich streng überwacht. Das bedeutet, den Winter begleiten Reglements und Restriktionen. Statt religiöser Vorschriften regelt in der KDE-Entwicklerschaft ein gestufter Releaseplan das virtuelle Leben der Netzwerkidentitäten während der Phase der Arbeitszusammenführung.

Kommunikative Gemeinsamkeiten

Nun habe ich mir auch einmal den Emailverkehr der KDE-Community angeschaut. Dazu teilte ich jedes KDE-Releases der Jahre 2004 bis 2006  jeweils in zwei Zeitetappen auf: In die Phase der eben besprochenen Leistungserstellung und die der Arbeitszusammenführung.

In der zweiten Produktionsphase (Leistungserstellung) haben alle Zahlen zugelegt. Es traten mehr Mitarbeiter in Erscheinung, es wurden mehr Emails geschrieben, es gab mehr Kontakte, mehr Cliquen (eng verknüpfte Akteursgrüppchen) und die Akteure waren stärker vernetzt. Soweit es den Erhebungszeitraum betrifft, wechseln Zeiten der individuellen Mitarbeit mit Zeiten der straffen kollektiven Produktionskoordination einander ab. Sie treten messbar in Erscheinung über Anstieg und Abfall der Kommunikation. Es melden sich mehr Akteure im virtuellen Sozialraum zu Wort, es treten mehr Identitäten in Erscheinung, es wird häufiger kommuniziert und es entstehen mehr Diskussions-Cliquen, um sich in der nächsten Phase wieder mehr zu zerstreuen.

Strukturelle Gemeinsamkeiten

Für eine Blockmodellanalyse habe ich das Netzwerk der Emailkontakte hergenommen und nur die symmetrischen Beziehungen gelassen, also jene Kontakte, die aufeinander eingingen. Das Netz steht dann für den intensiver gelebten Strukturbereich des Beobachtungszeitraumes.

Es kam nach dem Übergang von der ersten Hälfte (Arbeitszusammenführung) eines Zyklus zur zweiten Hälfte (Leistungserstellung) in allen drei Fällen zu einer Auflösung eines vorhandenen Zentrums. Zweimal wandelte sich eine Struktur aus zwei kleinen Zentren zu einer einzelnen Zentrum-Peripherie-Struktur. Bestand die Struktur ein anderes Mal lediglich aus einer einzigen Zentrum-Peripherie-Konstellation, löste sie sich auf. Das Muster steht für einer hierarchisch ausgerichteten Arbeitszusammenführung in KDE. In diesen Phasen teilte sich die Struktur stärker in Zentrum-Peripherie-Anordnungen als während der Leistungserstellungen. Das entspricht ebenfalls der zyklischen Wechsel von Dichte und Zerstreuung der Inuit.

Fazit


Somit ist klar, KDE’ler sind zwar technisch modern, soziologisch jedoch mit uralten anthropologischen Grundkonstanten ausgestattet.  ;) Ich könnte mir vorstellen, diese kommen zum Vorschein, weil die Community ein wenig restriktives Organisationsmodell darstellt. In klassischen Organisationen, Unternehmen usw. zwängen formale Strukturen wie Arbeitszeiten, Dienstwege etc. den Menschen in ein Korsett, in dem sie ihrem Bedürfnis nach periodischem Wechsel von Nähe und Distanz nicht nachgeben können. Hier würden neue Organisationskonzepte möglicherweise mit einer effizienteren Arbeit der betreffenden Organisation einhergehen.

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Die ausführliche und detailliertere Analyse sowie die verwendeten Quellen sind hier einsehbar.

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